04 August 2010

Who told you a calf to be?

Vorsicht, langer Post!
Ich lese grade ein sehr spannendes Buch: Der Luzifer-Effekt von Philip Zimbardo. (Ja, genau, *der* Zimbardo.) Darin wird das "Stanford Prison Experiment" aus den 70ern beschrieben, im Grunde ein Rollenspiel, bei dem eine Gruppe Studenten ein Gefängnis simuliert. Darüber gibt's auch einen Spielfilm, Das Experiment, den ihr vielleicht gesehen habt - in dem geht die Eskalation allerdings wesentlich weiter als in der Realität. Trotzdem ist die Sache auch in Wirklichkeit ziemlich katastrophal eskaliert, und das schon in den ersten Tagen. Zwei Wochen waren ursprünglich geplant, nach 6 Tagen war's vorbei - viel zu spät, nach dem zu urteilen, was schon in den ersten Tagen passiert.
Interessanterweise sagen die meisten der Studenten, die Wärter darstellen, am Anfang von sich, dass sie sich die Rolle eigentlich gar nicht zutrauen und Zweifel daran haben, dass sie überhaupt so hart gegen die Häftlinge sein können. Dann betreten sie das 'Gefängnis' und benehmen sich durch die Bank knallhart, gnadenlos und sadistisch. Die Angst, eine Rolle nicht erfüllen zu können, führt zu kritik- und grenzenloser Übererfüllung?
Und auch auf Häftlingsseite scheint die Identifikation mit der Rolle mehr zu wiegen als jede Vernunft: Irgendwann gibt es eine Anhörung vor einem 'Bewährungsausschuss'. Dieser fragt die Häftlinge, ob sie auf ihren bis dahin verdienten Lohn (immerhin üppige 15 Dollar am Tag für einen 24-h-Job inkl. körperlicher Misshandlungen, Essensentzug, mangelhafter Hygiene und dauernder psychischer Demütigung) verzichten würden, wenn man sie freilässt. Fast alle antworten mit ja. Alle akzeptieren aber, als ihr Bewährungsgesuch abgelehnt wird, und setzen ihre Gefangenschaft fort - obwohl sie ja tatsächlich nur durch ihren Vertrag an das Gefängnis gebunden sind. D.h. sie könnten kündigen, und bekunden, dass sie bereit sind, die negativen Auswirkungen der Kündigung - kein Lohn - zu akzeptieren. Trotzdem lassen sie sich wie die Kälber wieder zurück in ihre Käfige führen.
Weil sie nach ein paar Tagen der Demütigung und Hilflosigkeit keinen selbständigen, von der Gnade ihrer Gefängniswärter unabhängigen Weg in die Freiheit mehr sehen? Weil "wer A sagt, ja auch B sagen muss"? Weil sie nach nur vier Tagen ihre Rolle so verinnerlicht hatten, dass sie nicht mehr anders denken konnten als der Gefangene, den sie darstellten?
Wer jetzt sagt, "Klar, solche Rollenspieler kenn ich auch", dem kann ich nur zustimmen. Ich kenne auch einige solche. Leute, die z.B. eine neue Arbeitsstelle antreten, Zweifel an ihrer eigenen Qualifikation haben und deswegen unsinnig hart arbeiten und jede noch so abstruse Forderung erfüllen, anstatt einfach um eine vernünftige Einarbeitung zu bitten. Leute, die jahrelang in missbräuchlichen Beziehungen ausharren, weil sie vergessen haben, dass ein Leben außerhalb einer Beziehung im Bereich des möglichen liegt. Leute, die ein Leben leben, das von ihnen erwartet wird - weil das ihre Rolle ist.
Who told you a calf to be? Why, I told myself, of course.

3 Kommentare:

Tine hat gesagt…

Oft ist der Weg aus der Rolle sehr schwer... Leider

naiko hat gesagt…

ja, er ist schwer, aber ich denke, sehr oft ist es nicht nur die angst, sondern vor allem auch ein großer anteil bequemlichkeit. veränderungen sind anstrengend.

und ich glaube auch, dass viele leute sich schon der erkenntnis der eigenen rolle entziehen, indem sie schlicht nicht nachdenken, nicht reflektieren; das ist nämlich auch anstregend, und es ist unglaublich, wie denkfaul viele leute sind.

ist das zynisch?

das lied, aus dem die zitierte zeile stammt, ist ja original ein jiddisches. es hat sehr viel damit zu tun, dass die scheinbar von außen verursachte lage in wirklichkeit sehr viel mit der inneren - oft unerkannten - bereitschaft zu leiden zu tun hat. das mag sehr zynisch klingen - im falle des kalbes, das auf dem wege zum schlachter mit der schwalbe verglichen wird, die sich entscheidet, davonzufliegen sowieso - aber ist leiden nicht auch ein weg, sich der verantwortung zu entziehen?

das lied stellt damit einer sehr, sehr harte forderung. ob das immer fair ist, ist die frage!?

naiko hat gesagt…

http://www.youtube.com/watch?v=BqzGZ5AaeSs&feature=related

für jene, die am ende das lied nicht kennen (mangels eines gitarre spielenden und singenden vaters... :-) ). ich finde die joan baez-version ganz schön.